Die Vampire
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Legende, Mythos, Wahrheit
Geschichten
SEITE II
Vampirgeschichte von Vampiren, Werwölfen und anderen Wesen der Dunkelheit. Lesen Sie biss zur Mitternacht, oder länger, wenn sie ein Vampir sind ;-)
Präludium
Die Burg war von hohen, uneinnehmbaren Mauern umgeben, und ein eisenbeschlagenes Tor, welches aus schweren, hölzernen Planken gefertigt war, stellte den einzigen Zugang ins Innere dar. Auf den hohen, geschützten Wehrgängen konnten die scharfen Augen des Wanderers das Schimmern einiger polierter Harnische erkennen, welche die Strahlen des Mondes reflektierten. Hier und da blitzte ein Speer oder eine Hellebarde in der Nacht auf. Zu dieser Zeit war die Burg sehr gut bewacht. Dennoch trat der Fremde an das Tor und blickte spöttisch hinauf. Sofort erklang eine tiefe Stimme von den Wehrgängen. "Was wollt ihr zu dieser späten Stunde noch vor den Toren von Burg Marlon?", rief jemand zu ihm herab. "Ich bin Henry Mc Gregor, untertänigster Bote unseres Königs. Ich bringe eine wichtige Botschaft für euren Herrn." Mit diesen Worten hielt die Gestalt eine Schriftrolle in die Höhe. "Woher weiß ich, daß du wirklich Mc Gregor bist?", fragte die Wache misstrauisch nach. Diese Frage hing einen kurzen Moment lang in der Luft und die Zeit schien still zu stehen, bis ein weiterer Wachmann auf dem Wehrgang auftauchte. "Red' keinen Unsinn. Natürlich ist er das. Den erkenne ich selbst in der finstersten Nacht wieder. Immer die gleiche Frisur und den selben Bart. Und abgenommen hat er immer noch nicht. Das ist Henry Mc Gregor, also laßt ihn rein." Kurz darauf öffnete sich die Zugbrücke langsam mit einem lauten Knarren und gab den Blick in den, nur durch einige Fackeln beleuchteten, Innenhof frei. Der zeigte sich, genau wie das Dorf zuvor, still und verlassen. Durch das Flackern der Feuer im kühlen Nachtwind, zeigten sich unwirtliche Schatten auf den umliegenden Mauern, welche schnell hin und her huschten, viel zu schnell für das geistige Auge, um ihre Formen genau zu bestimmen. Der Wanderer überquerte den kleinen Burggraben, welcher mit dunklem Wasser gefüllt war, ohne zu zögern. Dieser Wassergraben war mit dunkelgrünem Schilf bedeckt und die ein oder andere Seerose zierte sein ansonsten eher trostloses Äußeres. Doch dieses friedliche Detail täuschte über die Gefahren hinweg, die in der Tiefe lauerten mochten.
Die wenigen Wachen entzündeten weitere Fackeln, als der Bote den kargen Hof betrat. Nachdem sie das königliche Symbol auf seinem Umhang, drei goldene Löwen, entdeckten, größten sie ihn freundlich und sichtlich erleichtert. "Seid willkommen in Burg Marlon", sprach einer der Wachleute mit freundlicher Stimme. Der Bote neigte sein Haupt in stiller Erwiderung. Durch seine rechte Hand, mit der er in einer freundlichen Geste von seinem Haupt nach außen schwang, verbarg er das teuflische Grinsen auf den schmalen Lippen. "Ihr müßt einen langen Weg hinter euch haben", bemerkte die Torwache. Dunkle Augen trafen die des Wachmanns. "Oh, ich bin weiter gereist, als ihr es euch vorstellen könnt", erwiderte der Mann mit dunkler, unheimlicher Stimme. "Aber bringt mich nun endlich zu eurem Lord, die Nachricht ist dringend", ergänzte er bestimmt und machte so klar, daß er keine Widerrede akzeptierte. Nachdem die Torwache den kalten Schauer überwunden hatte, welcher ihr unwillkürlich über den Nacken lief, geleitete sie den ungeduldigen Boten hinauf in die Gemächer des Barons.
"Seltsamer kleiner Kauz", meinte einer der zurückgebliebenen Männer zum Rest. "So spät noch alleine durch die nächtlichen Wälder zu laufen, ohne Pferd und ohne Begleitung. Der muß ja ziemlich lebensmüde sein." "Vielleicht wurden sie überfallen und er konnte durch Glück entkommen", folgerte ein anderer schulterzuckend. "Wenn das so gewesen ist, werden wir es mit Sicherheit morgen erfahren." Die Männer verwarfen ihre Gedanken kurzerhand mit einem Kopfschütteln und wendeten sich wieder ihrer langweiligen Arbeit zu.
In den umliegenden Wäldern heulte ein weiteres Mal ein Wolf auf. Dann durchfuhr ein lauter Schrei die nächtliche Stille. Kurz darauf zerbarst ein Fenster im hohen Turm und die Wachen sahen erschrocken empor, ihre Waffen fest umgriffen. Eine Gestalt flog schreiend und mit großer Geschwindigkeit dem Boden entgegen, dann schlug sie auf. Überrascht blickten die versammelten Wachen auf die traurigen Überreste ihres Herrschers hinunter, welcher gekrümmt auf dem Steinboden lag. Seine Augen waren vor Schreck geweitet und er versuchte noch, etwas zu sagen. Doch seine Lunge und sein Mund füllten sich bereits mit Blut und so erstarben seine Worte in einem leisen Gurgeln. Sein Nachthemd war zerrissen worden und er blutete aus unzählige Wunden, als hätte ihn ein wildes Tier angegriffen.